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Woyzeck [Oberhausen]

Opera


Musik und Songtexte von Tom Waits und Kathleen Brennan
nach dem Stück von Georg Büchner 
Textfassung von Ann-Christin Rommen und Wolfgang Wiens

 

 

Inszenierung


Deutsche Erstaufführung: 19. September 2008
Theater, Oberhausen, Bundesrepublik Deutschland

  • Musikalische Leitung 6 Orchester-Arrangements: Otto Beatus
  • Regie: Joan Anton Rechi
  • Bühne: Alfons Flores
  • Kostüme: Moritz Junge

 

Besetzung:  

  • Franz Woyzeck: Jürgen Sarkiss
  • Marie: Nora Buzalka
  • Tambourmajor: Peter Waros
  • Hauptmann: Michael Witte
  • Doctor: Henry Meyer
  • Margreth: Susanne Burkhard
  • Andres: Klaus Zwick
  • Karl: Anja Schweitzer

 

 

 

Premierenchronik

DK UA 23. November 2000 Betty Nansen Teatret, Kopenhagen
D Dspr. EA 19. September 2008  Theater, Oberhausen
CH EA 12. September 2009 Stadttheater, Bern
A EA 22. November 2013 Volkstheater, Wien

 

Anmerkung: Die Aufführung erfolgte in deutsch mit englischen Liedtexten.

 

 

Inhaltsangabe


Nach Georg Büchners Dramenfragmenten aus dem Jahr 1837 schuf Tom Waits eine als "art musical" bezeichnete Version um den einfältigen Soldaten Woyzeck, der, gedemütigt, ausgenutzt, getäuscht und zu medizinischen Zwecken missbraucht, nach dem Treuebruch seiner Geliebten diese umbringt.

Klaus Baberg

 

 

 

 

Kritiken

 
"Nun aber triumphiert das Oberhausener Theater unter seinem neuen Intendanten Peter Carp und gestaltet mit der Spielvorlage einen stimmigen amerikanischen Woyzeck à la Waits. Der verpflichtete spanische Regisseur Joan Anton Rechi, ein enger Mitarbeiter von Calixto Bieto, und sein Bühnenbildner Martin Flores verlegen die Handlung um den Underdog Woyzeck in eine heruntergekommene Absteige der Jetztzeit. Das zwielichtige Etablissement steht für die enge, schäbige Welt des bemitleidenswerten Titelhelden. Die von einer phantastischen sechsköpfigen Kapelle unter der Leitung von Otto Beatus im 'Obergeschoss' subtil begleiteten Waits-Balladen unterstreichen die trostlos-depressive Stimmung

Jürgen Sarkiss gibt einen lethargischen Woyzeck in Jeans, stark besonders, wenn er seine Visionen hat, Krankheitssymptome zeigt - und, wenn er singt!

[...] Einziger Wehrmutstropfen bei dieser 'deutschsprachigen Erstaufführung' (so die Ankündigung): Die auf Englisch vorgetragenen Songs bleiben unübersetzt. Es gibt keine deutschen Übertitel, und was im Foyer ausliegt, sind auch nur die englischen Texte."

Klaus Stübler: Theater: Woyzeck à la Tom Waits begeistert. In: Ruhr Nachrichten, 21. September 2008.

 

 

"Eine "Opera", wie der Titel suggeriert, ist Waits' "Woyzeck" im strengen Sinne nicht. Gemeinsam mit seiner Frau Kathleen Brennan hat der amerikanische Sänger vielmehr eine Bühnenmusik geschaffen, die dem Schauspiel den Vorrang lässt. Songs greifen die Stimmung einzelner Szenen auf und verstärken, was Büchner von den verzweifelten Lebensumständen der "armen Leut'" erzählt.

[...] Die Inszenierung von Joan Anton Rechi bemüht sich nach Kräften, das US-amerikanische Kultidol zu feiern. Der Spanier, ein enger Mitarbeiter des Regisseurs Calixto Bieto, stilisiert Büchners Verlierer und Außenseiter zu Heroen. Bei dem Versuch, eine zweite Dreigroschenoper zu schaffen, nimmt er in Kauf, dass der Zuschauer teils recht romantisch glotzt. Aus der rasiermesserscharfen Unterschichten-Studie wird so eine unterhaltsame Revue, in der es auch mal Konfetti regnen darf.

Liebevoll führt Rechi eine Parade schriller Nutten und Freaks vor (Kostüme: Moritz Junge). In dieser Gesellschaft wirkt Woyzecks Geliebte Marie wie ein gutbürgerliches Mädchen. Nora Buzalka spielt sie als fürsorgliche junge Frau, die unter dem Druck der Verhältnisse immer stärker verhärtet. Der jugendlich wirkende Woyzeck von Jürgen Sarkiss ist ein farblos gekleideter Nobody, der steif über die Bühne tappt, stammelnd spricht und Stimmen hört. Gleich zu Beginn windet er sich in einem epileptischen Anfall. Der Mord an Marie gleicht bei ihm einem letzten Liebesbeweis, einem zärtlichen Akt der Verzweiflung.

[...] Die Musik formuliert Einsamkeit und Verlorenheit in Balladen gründlich aus. Das dehnt die Handlung und bringt ein Sentiment ins Spiel, das sich zuweilen selbst gefällt. Waits' Woyzeck ist für Einsteiger leicht und für Fans gewiss ein Muss. Wer Büchner verehrt und vom Theater mehr erwartet als gehobene Unterhaltung, gönne sich das Original."

dpa [ohne Autorennennung]: Unterhaltsame Premiere von Tom Waits' "Woyzeck". In: Frankfurter Rundschau, 21. September 2008.

 

 

"Büchners todtrauriges Theaterfragment und die Verlorenheitsmusik von Tom Waits passen großartig zusammen. Nach der Uraufführung durch Robert Wilson vor acht Jahren in Kopenhagen war das Stück nicht für neue Inszenierungen frei gegeben. Das Theater Oberhausen gab sich nicht damit zufrieden. Der neue Intendant Peter Carp will während seiner ersten Spielzeit Mischformen aus Schauspiel und Musiktheater ausprobieren.

Die deutsche Erstaufführung des Waits-„Woyzeck“ ist inhaltlich wie vom Publicity-Effekt her eine perfekte Eröffnung. Die Dramaturgen haben sich bis zu Tom Waits selbst durchgearbeitet und erhielten nicht nur die Genehmigung. Der Großmeister des gutturalen Gesangs komponierte einige Songs fertig, die er für die Uraufführung noch nicht notiert hatte. In Oberhausen arrangierte der Theatermusiker Otto Beatus die Partitur für eine sechsköpfige Band und pointierte das Raue, Erdige, Zersplitterte dieser Musik ebenso wie die am Herzen zerrende Schönheit der Balladen.

Eine herunter gekommene Spelunke hat Bühnenbildner Alfons Flores auf die Drehbühne gestellt. Die Band spielt auf dem Dach, der Hauptmann lässt sich in diesem Stundenhotel rasieren, Huren laufen lasziv durch die Räume. Neonleuchten tauchen die Szene in verschiedene, künstlichkalte Farben. Die Kaschemme leuchtet in der Dunkelheit, zieht die Menschen an als seien sie Fliegen, die keine Ahnung haben, dass sie in diesem Licht verbrennen können."

Stefan Keim: Der zärtliche Kehlenschnitt. In: Deutschlandfunk Kultur, 21. September 2009.

 

 

Medien / Publikationen


Audio-Aufnahmen

  • Tom Waits "Bloody Money". Epitaph Records, 2002. (1xCD).

 

Literatur

  • Georg Büchner: Woyzeck. Texte und Kommentare. Suhrkamp BasisBibliothek Band 94.

 

 

 

 

Empfohlene Zitierweise

 
"Woyzeck [Oberhausen]". In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. www.musicallexikon.eu

Letzte inhaltliche Änderung: 26. September 2022.