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Der Fiedler auf dem Dach (Fiddler On The Roof)

Musical mit einem Prolog und in 16 Bildern


Musik von Jerry Bock 
Buch von Joseph Stein  
Gesangstexte von Sheldon Harnick
Nach Scholem Alejchems Erzählung "Tewje, der Milchmann" 
Ins Deutsche übertragen von Johannes Felsenstein

 


Inszenierung


DDR-Erstaufführung: 23. Januar 1971
Komische Oper, Berlin, DDR
 

  • Musikalische Leitung: Karl-Fritz Voigtmann
  • Regie: Walter Felsenstein
  • Choreografie: Tom Schilling
  • Bühnenbild: Valerie Lewental
  • Kostüme: Marina Sokolowa
  • Chöre: Dieter Hänsel
  • Regie-Assistenz: Johannes Felsenstein
  • Volkskundliche Beratung: Szymon Szurmiej


Besetzung:

  • Tewje, der Milchmann: Rudolf Asmus 
  • Golde, seine Frau: Irmgard Arnold 
  • Tzeitel, seine Tochter: Friederike Wulff-Apelt 
  • Hodel, seine Tochter: Ute Trekel-Burckhardt 
  • Chawe, seine Tochter: Barbara Sternberger 
  • Shprintze, seine Tochter: Silke Mandelkow
  • Bjelke, seine Tochter: Rosemarie Weigel
  • Motel, der Schneider: Werner Enders 
  • Perchik, ein Student: Christoph Felsenstein 
  • Fjedka: Hans-Otto Rogge 
  • Jente, die Heiratsvermittlerin: Jarmila Ksirova 
  • Lejser Wolf, der Fleischer: Hanns Nocker 
  • Mordche, der Gastwirt: Frank Folker
  • Der Rabbi: Eberhard Valentin
  • Mendel, sein Sohn: Clemens Kohl
  • Avrum, der Buchhändler: Erhard Garlipp
  • Nachum, der Bettler:Werner Kern
  • Shejndel, Motels Mutter: Lydia Dertil
  • Jussel, der Hutmacher: Helmut Sommerfeldt
  • Flaschentanz-Solist: Nenko Petrow
  • Großmutter Tzeitel: Jutta Vulpius
  • Fruma-Sarah, verstorbene Frau des Lejser Wolf: Edith Walter-Frauendorff
  • Vier junge Russen: Günter Neumann, Manfred Hopp, Uwe Peper, Harald Wandtke
  • Der Dorfgendarm: Herbert Rößler
  • Der Fiedler: Klaus Schwärsky

 

 

Premierenchronik

USA UA 22. September 1964 Imperial Theatre, New York
Israel EA 7. Juni 1965 Alhambra Theater, Tel Aviv
NL EA 21. Dezember 1966 Theater Carré, Amsterdam
GB EA 16. Februar 1967 Her Majesty´s Theatre, London
D Dspr. EA 1. Februar 1968 Operettenhaus, Hamburg
CSSR EA 21. Februar 1968 Tyl Theater, Prag
A EA 15. Februar 1969 Theater an der Wien, Wien
DDR EA 23. Januar 1971 Komische Oper, Berlin
CH EA 16. Dezember 1971 Städtebundtheater Biel-Solothurn (Gastspiel)

 

 

Inhaltsangabe


"In Tewjes und der Geschichte seiner Familie - sieben Töchter sind ihm und seiner Golde geschenkt - wird auf sensible, skurrile, humorvolle, tragische und tragikomische Weise reflektiert, wie die revolutionären Ideen und Aktivitäten, die das zaristische Rußland erschüttern, auch vor dem jüdischen Volk, das in sozialer und gesellschaftlicher Abkapselung lebt, nicht haltmachen. Das Dorf Anatevka ist für Tewje und seine Familie Heimat mit ihrem Reichtum an schönen, ihrer Vielfalt an schlechten Dingen. Das Schöne für die jüdischen Bewohner - in der Tradition ihres Volkes zu stehen, ihrer einfachen Religionsausübung ergeben zu sein. Das Schlechte will man nicht erkennen und wahrhaben, es existiert nur als vorübergehende  Minderung der besseren Dinge, für deren Gegenwärtigkeit und Reichtum allein Gott verantwortlich ist. Tewje muß erkennen, daß gewaltige Dinge die Ordnung seines Lebens, das auf patriachalische Anschauung, Tradition und Kenntnis der Bibel gebaut ist, verwirren. Ohnmächtig steht er den Heiratsplänen seiner Töchter gegenüber. Sie haben die Absicht, aus Liebe zu heiraten, sich selbst für den Mann, mit dem sie leben möchten, zu entscheiden. Tzeitel schlägt Lajser Wolf, einen wohlhabenden Fleischer, aus, um Motel, den armen Schneider, zu heiraten, für den eine erworbene alte Nähmaschine das ganze Glück ist. Hotel folgt dem revolutionären Studenten Perchek, der zuallererst bei den jungen Leuten Anatevkas mit seinen feurig-aufklärerischen Reden Gehör findet und Sorge trägt, daß das Postament jüdischer Tradition bruchreif gemacht wird. Hodel wird seinen Weg gehen, der ihn in die revolutionären Zentren führt, dorthin, wo ´das größte Werk entsteht, das Menschenhand überhaupt schaffen kann´, sie folgt ihm auch in die Verbannung. Chawe schließlich begeht das Schlimmste, sie liebt Fjedka, einen Russen, einen Nichtjunden. Die Unruhe geht um in Tewjes Familie. (Das Musical verfolgt die Geschichten zweier anderer Töchter, in denen die sozialen Komponente der Konflikte - die Klassenwidersprüche im jüdischen Volk selbst - bezeichnet sind, nicht mehr.)" 

Wolfgang Lange: Tewje in der Zeitenwende, "Der Fiedler auf dem Dach" von Stein/Bock/Harnick an der Komischen Oper Berlin. In: Theater der Zeit, Organ des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR, Heft 5, Mai 1971, Seite 26-27.

 

 

Kritiken


"Wo liegt der Grund dieses Musical-Regieerfolges? Man kann´s zumindest ahnen. Die Erfüllung eines alten Felsensteinschen Gedankens: ein Theaterspiel, das alle Künste, Bewegung, Mimus, Musik, Gesang, Tanz und Optik, gleichermaßen erfaßt. Das Musiktheater ohne Arienkorsett und Rezitativkordel, ohne den Zwang, das Element des Spaßtheaters immer wieder dem Diktat der gesungenen und musizierten Noten zu opfern. In der Tat: diese Entdeckung des Musicals für die Komische Oper hat etwas Aufregendes. [...]

Gewiß, ich möchte die Aufführung erleben, die an diesem gepfefferten Musical versagt. Aber ich möchte andererseits jene Inszenierung sehen, die es an Poesie und Ernsthaftigkeit mit der Arbeit Felsensteins aufnehmen kann, seiner Gabe, nicht nur Vorgänge, sondern Hintergründe aufzuzeigen, Menschen in tragikomische Situationen hineinzuführen, daß man nicht darüber lacht, sondern daß einem das blanke Lachen im Halse steckenbleibt..."

Ernst Krause: Berlin (DDR): Chagall im Musical. In: Opernwelt, Die deutsche Opernzeitschrift, März 1971, Seite 23-24.

 

"Walter Felsensteins Inszenierung findet statt auf einer sozialistischen Bühne, der es um die wahrhafte Darstellung des Menschenbildes geht. Die Inszenierung des Musicals ´Der Fiedler auf dem Dach´ (ins Deutsche übertragen von Johannes Felsenstein) setzt auf schöne Weise diese Maxime fort, führt das Ensemble selbst zu neuen praktisch-ästhetischen Erkenntnissen und ist nicht zuletzt durch die Aufhebung der Abgrenzungen - hier Solist, dort Chor - ein bemerkenswerter Schritt zu nützlichen Qualitäten, über deren praktische Konsequenzen sich die Interpreten unterhalten sollten, dessen ästhetisch-gestalterische Ergebnisse Komponisten, Librettisten anregen sollten. Das ist schon faszinierend, wie Felsenstein austarierte, um nicht die Geschichte von Tewje und seiner Familie zu einer naiven Vordergrund-Idylle werden zu lassen. Das soziale Gefüge Anatevkas ist allgegenwärtig in Haltungen und Handlungen der unzähligen genau modellierten Figuren des Stückes. Felsenstein legt die Geschichte Tewjes und seiner Familie an als ein Beispiel: Diese Geschichte wird sich ähnlich in vielen jüdischen Familien abgespielt haben. Geschichten vom Aufbruch in eine neue Zeit, die zu Entscheidungen und Selbstentscheidungen, zum Aufgeben alter Gewohnheiten, zu neuen Einsichten drängt." 

Wolfgang Lange: Tewje in der Zeitenwende, "Der Fiedler auf dem Dach" von Stein/Bock/Harnick an der Komischen Oper Berlin. In: Theater der Zeit, Organ des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR, Heft 5, Mai 1971, Seite 26-27.

 

 

Medien / Publikationen


Audio-Aufnahmen

  • "Fiddler On The Roof". Original Broadway Cast, Studio-Einspielung vom 27. September 1964, USA 1964, RCA/Ariola International 1985, RD87060 (1xCD).
  • "Anatevka". Deutsche Originalaufnahme, Der Welterfolg des Musicals "Fiddler on the Roof" in deutscher Premierenbesetzung, Studioeinspielung 1968, Hamburg, Teldec 2292-43897-2 (1xCD)
  • "Deutsche Originalaufnahme aus ´Anatevka´ (Fiddler on the roof)". Operettenhaus Hamburg, Shmuel Rodensky, CBS 3280, Vinyl-Single 1968, A-Seite: "Wenn ich einmal reich wär´", B-Seite: "Zum Wohl!"
  • "Anatevka" ("Fiddler On The Roof"), Melodien-Querschnitt aus dem Musical in deutscher Sprache. metronome 1968, HLP 10.190 (1xLP).
  • "Anatevka" ("Fiddler on the Roof"). Original-Einspielung der Inszenierung im Theater an der Wien, Studio, Mai 1969, Preiserrecords 93200, Digital remastered 1987 (1xCD).

 

Literatur

  • Scholem Alejchem: Die Geschichten von Tewje dem Milchhändler. Berlin (DDR): Volk und Welt 1977.
  • Lin Jaldati, Eberhard Rebling (Hrsg.): Es brennt, Brüder, es brennt: Jiddische Lieder. Deutsche Texte von Heinz Kahlau, Berlin (DDR): Rütten & Loening 1966.
  • Klaus Schlegel: Tewje und seine Schwiegersöhne, Zur Analyse von zwei Szenen des Musicals "Der Fiedler auf dem Dach" in der Inszenierung von Walter Felsenstein. In: Jahrbuch der Komischen Oper, Band 11, Spielzeit 1970/71, herausgegeben von der Komischen Oper, Berlin: Henschel 1971, Seite 65- 79.

 

 

Kommentar


Die Amsterdamer Premiere war zugleich die europäische Erstaufführung. Die Produzenten änderten den Originaltitel in "Anatevka". Dieser Titel wurde dann in der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz übernommen.

 

 

Empfohlene Zitierweise


"Der Fiedler auf dem Dach" ("Fiddler On The Roof"). In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. www.musicallexikon.eu

Letzte inhaltliche Änderung: 14. Juli 2020.