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Cabaret

Musical


Musik von John Kander
Arrangements von Arnold Schön 
Buch von Joe Masteroff
Gesangstexte von Fred Ebb
Nach dem Stück "Ich bin eine Kamera" von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood
Deutsche Übersetzung von Robert Gilbert

 

 

Inszenierung


Deutsche Erstaufführung: 28. Februar 1971
Bühnen der Hansestadt Lübeck, Bundesrepublik Deutschland

  • Musikalische Leitung: Hans-Georg Schindler
  • Regie: Karl Vibach
  • Choreografie: John Grant
  • Bühnenbild: Boris Aronson (New York)
  • Kostüme: Patricia Zipprodt (New York)
  • Chor: Josef Belscher

 

Besetzung:  

  • Conférencier: Günter Bothur
  • Clifford Bradshaw: Henry Kielmann
  • Sally Bowles: Roswitha Karon
  • Fräulein Schroeder: Doris Masjos
  • Herr Schultz: Otto-Hans Meinicke
  • Fräulein Kost: Eva-Maria Bauer
  • Ernst Ludwig: Bernd Wurm
  • Zollbeamter: Georg Stolte
  • 1. Girl: Ingeborg Hoge
  • 2. Girl: Edith Sprick
  • Zwei Ladies: Edith Krohn, Isabella Droux
  • Max: Vincenzo Benestante
  • Matrose: Joachim Luger
  • Miss Russland: Margarete Callies
  • Miss Amerika: Senta Thomé
  • Miss Germany: Marianne Ludewigs
  • Miss China: Hedda Rulf
  • Miss France: Gudrun Derlin
  • Zigarettenfräulein: Rita Staub
  • Kit Kat Girls: Elisabeth Sukop-Liebchen, Lore Arlt, Wanda Kraus
  • Wandervögel: Günther Lieser, Rainer Klohs, Hartmann Fischer, Karl-Friedrich Koenen, Wilhelm Krohn, Ekkehard Liebchen
  • Kellner: Eddy Arps, Josef Klütsch, Heinz Engelbrecht, Helmut Kinne, Manfred Woitkowiak, Dieter Splinter

 

 

 

Premierenchronik

USA UA 20. November 1966 Broadhurst Theatre, New York
GB EA 28. Februar 1968  Palace Theatre, London
A Dspr. EA 14. November 1970 Theater an der Wien, Wien
D EA 28. Februar 1971 Bühnen der Hansestadt Lübeck
DDR EA 18. Januar 1976 Staatsoperette, Dresden
CH EA 3. Oktober 1981 Opernhaus, Zürich

 

 

 

Inhaltsangabe


Der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw reist 1929 nach Berlin, um einen Roman zu schreiben. Er taucht ins wilde Nachtleben ein, lernt die Cabaretsängerin Sally kennen, die nach kurzer Zeit bei ihm einzieht, und erfährt auch immer mehr von der politischen Situation Ende der 1920er Jahre. Seine Zimmervermieterin Fräulein Schneider, eine ältere alleinstehende Frau, erhält einen Heiratsantrag von Herrn Schultz, der einen Gemüseladen betreibt. Freudig nimmt sie den Antrag an. Ihre Verlobunsgfeier wird indes gestört, weil Herr Schultz ein Jude ist, dem man die Scheiben seines Ladens einwirft. Ein Bekannter von Fräulein Schneider, ein Nazi, warnt sie zudem vor der Heirat, da man nach der Machtübernahme die Juden nicht länger im Lande dulden würde. Erschrocken löst sie die Verlobung wieder auf. Auch Bradshaw hat inzwischen so viel von der politischen Situation mitbekommen, dass er alarmiert entscheidet, wieder heimzufahren Doch Sally will ihm nicht in die USA folgen, auch wenn sie schwanger ist. Sie will lieber weiter im bunten Berliner Nachtleben, im Kit-Kat-Klub, herumtoben und ihre Karriere als Sängerin voranbringen. So lässt sie ihr Kind abtreiben und trennt sich von ihrem Freund, der noch im Zug nach Frankreich beginnt, seinen Roman zu schreiben.

(Wolfgang Jansen)

 

 

Kritiken

 
"Wie sagte eine Dame nach der Lübecker Aufführung: ´Das schockt ganz schön, man darf das Musical wohl nicht mit deutschen Augen sehen.´ 

Warum nicht, gnädige Frau?  Wir müssen sogar ein solches Bühnenwerk mit deutschen Augen sehen, denn wenn man jetzt wieder liest, wie junge Leute Waffen horteten, um Attentate gegen die Bundesregierung vorzubereiten - bei zehn Haussuchungen in Bonn und Düsseldorf wurden sichergestellt: 17 Gewehre und Karabiner, neun Pistolen, Bajonette, Stilette, größere Mengen Munition unterschiedlichen Kalibers, eine Hakenkreuzfahne, Hitlers ´Mein Kampf´ und der vollständige Jahrgang 1938 von Streichers Zeitschrift ´Der Stürmer´, das pornographischste Blatt, das je in Deutschland erschienen ist - [...], dann fällt es weniger schwer, die damalige Situation auf heute zu übertragen. Tanzen wir nicht auch auf einem Vulkan? [...]

Die Regie Karl Vibachs beweist wieder einmal, daß der gute Ruf des Lübecker Generalintendanten als Musical-Fachmann zu Recht besteht. Da sitzt jedes noch so unwesentliche Detail, nicht nur wegen des Themas hat diese Aufführung noch mehr Format als seinerzeit ´Hello Dolly!´ Ein entscheidender Einfall war es, die Kellner, die in der amerikanischen Originalfassung in einer überraschenden Szene hakenkreuzbegeistert ein vaterländisches Lied singen, durch Wandervögel zu ersetzen, die in einem erschütternden, weil falsch geleiteten Idealismus ´Der morgige Tag ist mein´ schmettern. [...]

Wenn es Vibach fertigbringt, daß einem das Lachen manchmal gleichsam gerinnt, liegt dies auch an seinem hervorragenden Ensemble. Hier ist an erster Stelle Günter Bothur zu erwähnen. Er trifft genau den geschminkten verlogenen Ton jener miesen Conférenciers, die mit ihren zweideutigen Darbietungen ein ebenso mieses Publikum zu jubelndem Gekreisch anregen. " 

Jan Herchenröder: Bevor die Wandervögel die Macht übernahmen, Karl Vibachs erfolgreiche Inszenierung des Musicals "Cabaret". In Lübecker Nachrichten, 2. März 1971.

 

"Es ist erstaunlich genug, daß ein in New York und London jahrelang erfolgreiches Musicals seine deutsche Erstaufführung in Lübeck erlebt. Ganz und gar erstaunlich aber ist, daß diese Produktion der Bühnen der Hansestadt jenen sensationellen Rang hat, der auch in größten deutschen Städten nicht selbstverständlich ist. Karl Vibachs Inszenierung, die es beim bloßen Durchpausen des Broadway-Vorbildes nicht belassen hat, rehabilitiert dies durch den Wiener Reinfall im deutschen Sprachraum in Verruf gekommene ´Cabaret´ voll und ganz.

Dabei täuscht der Titel beträchtlich. Wer sich von ´Cabaret´ das große Tingeltangel, die bunte Revue und den himmlischen Firlefanz erhofft, sitzt hier falsch. ´Cabaret´ zeigt die Kehrseite, zeigt ähnlich dem ´Entertainer´ Osbornes, auf welchen Hund die Nachtclub-Lustbarkeit gekommen ist - und daß das seine Gründe hat - im Politischen, Soziologischen. Es zeigt, wie im Berlin von 1930, als die Braunen sich sammelten, Menschen vor die Hunde gehen. [...]

Erst Vibachs Textbearbeitung und seine hellhörige Dialogregie sichern diesem leicht exotischen Musical-Berlin die gerade bei diesem Thema in unserem Lande unerlässliche Überzeugungskraft. Erst Vibach verankert ´Cabaret´ an der Spree."

Bernd Plagemann: Katzenjammer der Golden Twenties, Deutsche Erstaufführung des Musicals "Cabaret" im Lübecker Theater. In: Nord-Woche, 5. März 1971.

 

"Vibach, der vertragsgemäß der New Yorker Originalproduktion von Harold Prince folgen muß, erlaubt sich ein paar vorsichtige Abweichungen, die der Sache nützen. Er stellt das pornographisch angehauchte Programm des Kit-Kat-Klubs klar als drittklassig bloß. Als Gegenpol führt er eine treudeutsche Wandervogel-Gruppe ein, die unter blauen Wimpeln nationale Wald- und Wiesenschnulzen säuselt. Mit dieser Kontrastverstärkung zieht er ganz unaufdringlich eine Parallele zum Anfang der siebziger Jahre. Mehr politischen Tiefgang vermag er der etwas unbedenklich gebastelten, doppelten Liebesgeschichte nicht zu geben. Und aus John Kanders unorigineller Musik kann der Dirigent Hans-Georg Schindler keine Ohrwürmer herauslocken.

Der Vorzug dieser Musik liegt in der stilgetreuen Instrumentierung, in der Geschicklichkeit, mit der Kanders den Charleston-Ton der zwanziger Jahre mit Saxophon und gestopfter Trompete nachempfunden hat. Atmosphärische Genauigkeit macht auch den Reiz von Vibachs Inszenierung aus. Günter Bothur trifft als gelackter, vulgär witzelnder Conférencier gut einen damals gängigen Typ. Der sympathisch unterspielende Otto-Hans Meinecke entwickelt aus dem ´Nebbich´-Song des Schultz ein kleines Kabinettstück leiser Komik. Überzeugend wirken Doris Masjos in der Lotte-Lenya-Rolle des Fräulein Schroeter und Henry Kielmann als Cliff. Roswitha Karon als Sally schließlich könnte sich mit ihrem Spieltemperament, ihrer Stimme und Beweglichkeit auch auf großen Bühnen behaupten. [...] 

Dem Erfolg in der Bundesrepublik steht vor allem Joe Masteroffs frivole Grundkonstruktion im Wege, einen billigen Stimmungsmacher im Nachtlokal zum Führer durch das trübste Kapitel deutscher Zeitgeschichte zu machen. Nationale Empfindlichkeit stört das Amüsement, das nun einmal zum Musical gehört."

Hans Berndt: Show-Berlin mit braunen Schatten, Deutsche Erstaufführung des amerikanischen Musicals "Cabaret" in Lübeck. In: Badische neueste Nachrichten, 6. März 1971.

 

 

Medien / Publikationen

 

Audio-Aufnahmen

  • "Cabaret". Original Broadway Cast, 1966. Studio-Einspielung, Columbia Records USA, KOL 6640. (Vinyl, 1xLP)
  • "Cabaret". Original London Cast, 1968, Studio-Einspielung, CBS 70039. (Vinyl, 1xLP).
  • "Cabaret". Originalaufnahme der deutschsprachigen Erstaufführung am Theater an der Wien, Studio-Einspielung 1970, Preiser Records, SPR 3220. (Vinyl, 1xLP).
  • "Cabaret". Original Film Soundtrack Recording, 1972. MCA Records 201 309-320. (Vinyl, 1xLP).
  • "Cabaret". Original Düsseldorf Cast, 1999. Freetime Music FM 1003. (1xCD).
  • "Cabaret". Original Bremen Cast, 2002. Bremer TheaTER. (1xCD).

 

DVD / Video

  • "Cabaret". Verfilmung von Bob Fosse, USA 1972. EuroVideo 29624. (1xDVD).

 

Literatur

  • Christopher Isherwood: Leb´ wohl, Berlin - Ein Roman in Episoden. Aus dem Englischen von Susanne Rademacher, Frankfurt/M. u.a.: Ullstein 1979.
  • Keith Garebian: The making of Cabaret. The Great Broadway Musicals, Toronto u.a.: Mosaic Press 1999.
  • Wolfgang Tschechne: Lübeck und sein Theater, Die Geschichte einer langen Liebe. Hrsg.: Gesellschaft der Theaterfreunde Lübeck, Reinbek: Dialog 1996.

 

 

Kommentar

 

Das Schauspiel "Ich bin eine Kamera" von John van Druten erschien nicht auf dem deutschen Buchmarkt. Die deutschsprachige Erstaufführung erfolgte 1952 im Schloßparktheater Berlin.

Nach der Verfilmung des Musicals 1972 mit einer stark veränderten Handlung wurden mehrere Songs der Sally Bowles aus dem Film in das Bühnenwerk übertragen.

 

 

Empfohlene Zitierweise

 
"Cabaret" [Lübeck]. In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. www.musicallexikon.eu

Letzte inhaltliche Änderung: 9. August 2022.