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Mein Freund Bunbury

Musical

Musik von Gerd Natschinski
Gesangstexte von Jürgen Degenhardt
Text von Helmut Bez und Jürgen Degenhardt frei nach Oscar Wildes "The Importance of Being Earnest"

 


Inszenierung 


Uraufführung: 2. Oktober 1964
Metropol-Theater Berlin, DDR 
 

  • Musikalische Leitung: Werner Krumbein
  • Regie: Charlotte Morgenstern
  • Ausstattung: Manfred Grund 
  • Choreografie: Nina Feist
  • Chöre: Wolfgang Schottke


Besetzung:

  • Jack Worthing: Leo de Beer
  • Cecily Cardew: Maria Alexander
  • Algernon Moncrieff: Waldemar Arnold
  • Lady Augusta Bracknell: Jola Siegl
  • Gwendolen, ihre Tochter: Annegret Bartels 
  • Frederick Chasuble, Major der Heilsarmee: Richard Westemeyer 
  • Laetitia Prism: Marlise Mirkoff
  • Butler Jeremias / Butler John: Fred Kronström
  • Entertainer: Hans-Joachim Blochwitz
  • Tom: Werner Weidermann
  • Freddy: Günther Griebsch
  • Maud: Ingried Lochmann
  • Freddy: Günther Griebsch
  • Slim: Jörg Neumann
  • Anthony: Heinz Schultz
  • Lord Ipswich: Heinz-Werner Hennig
  • Lady Ipswich: Anneliese Friedemann
  • Lady Plumpering: Lilo Großmann
  • Lady Greenham: Inge Chabowski
  • Chor und Ballett des Metropol-Theaters; Ballettsolisten: Johanna Freiberg, Dieter Pose, Ronald Mooshammer, Wolfgang Seher

 

 

Premierenchronik

DDR UA 2. Oktober 1964 Metropol-Theater, Berlin
D EA 27. September 1967 Pfalztheater Kaiserslautern

 

 

Inhaltsangabe


"Cecily Cardew und die beiden Freunde Jack Worthing und Algernon Moncrieff versuchen, ihre Lebensumstände durch ein geheimes Doppelleben zu verbessern. Deshalb erfinden die beiden Männer einen nicht existierenden Bekannten, den sie Bunbury nennen.


Auch Cecily, das Mündel von Jack Worthington, bunburisiert auf ihre Weise. Sie tritt, nach dem Dienst in der Heilsarmee, allabendlich als Sängerin in der Music-Hall auf. Dort lernt sie Algernon kennen, der sich in sie verliebt. Algernon lädt sie zu einer Verlobung ein. Was Cecily nicht weiß, ist, daß es sich dabei um die Verlobung ihres Vormundes Jack Worthing mit der armen, aber adligen Gwendolen Bracknell handelt. Jack will durch diese Verbindung in die bessere Gesellschaft gelangen, und die Mutter von Gwendolen, Lady Augusta Bracknell, vermutet bei Jack enorme Reichtümer.


Kurz vor Bekanntgabe der Verlobung merkt Jack, daß sein Mündel Cecily im Hause ist. Er will verschwinden. Als ihn Lady Bracknell daran hindert, verliert er die Nerven. Er gesteht der entgeisterten Lady seine fragwürdige Herkunft und verrät auch, daß die Reichtümer nicht ihm, sondern seinem Mündel gehören.


Algernon Moncrieff hat sich die Straße, in der das schwerreiche Mündel wohnt, notiert. Er weiß aber nicht, daß es sich dabei um Cecily handelt.


Am nächsten Tag begibt sich Algernon auf die Suche nach den 90 000 Pfund und stellt dabei fest, daß die Sängerin aus der Music-Hall und das Mündel Jacks ein und dieselbe Person sind.


Jack ist völlig verzweifelt. Er nimmt an, daß Gwendolen, nachdem sie erfahren hat, daß er nichts besitzt, ihn nicht mehr liebt. Aber Cecily richtet ihn wieder auf, und er entführt die ihn immer noch liebende Gwendolen. Bei dieser Gelegenheit bricht auch die Bunbury-Lüge der beiden Männer zusammen.


Am folgenden Tage wird Cecilys 25. Geburtstag gefeiert, an dem sie in den Besitz der 90 000 Pfund kommen soll. Dabei stellt sich heraus, daß sie in der Music-Hall aufgetreten ist und eigentlich dadurch ihr Erbe verloren hat. Aber durch eine List weiß sie sich das Geld zu sichern. Auch Jack Worthings Herkunft klärt sich auf unverhoffte Weise auf, und nun hat Lady Bracknell nichts mehr gegen Jack als Schwiegersohn einzuwenden."

(aus dem Programmheft der Uraufführung)

 

 

Kritiken

 

"Was ist ein Musical? Eine Operette, in der es ´natürlich´ zugeht. Statt der Schwank-Komik unseliger Operettenbranche [sic] finden wir hier leisere, charmantere Töne, statt des knalligen Gags die Pointe. Freilich das Knisternde der geistreich-ironischen Konversationen in Oscar Wildes ´Bunbury´ geht bei der Musicalisierung zu ´Mein Freund Bunbury´ ein wenig verloren. [...]

Dieser ´Bunbury´, der im Metropol-Theater seine erfolgreiche Festtags-Uraufführung erlebte, hat alles Zeug dazu, ein ´Schlager´ der Saision zu werden. Charlotte Morgensterns Inszenierung hatte Elan und Temperament und vermied ein Abrutschen in den Klamauk. Hier gab es mal nichts zu stilisieren, hier wurde ein getreu gezeichnetes Bild des London um 1920 angestrebt. Das gilt sowohl für die biedere Heilsarmee als auch für die Gespensterwelt Lady Bracknells und die Strip tease [sic] der Music-Hall. In dieser Hinsicht zeigte sich auch der Bühnenbildner Manfred Grund auf der Höhe seiner Aufgabe. Nina Feists Ballett funktionierte, und Werner Krumbein spannte vom Pult aus die musikalischen Rhythmen kräftig an."

Kr.: London 1920 mit Witz und Rhythmus, "Mein Freund Bunbury" - Musical nach Wilde im Metropol-Theater. In: Nationalzeitung, 4. Oktober 1964.

 

"Die Musenkinder von Bez und Degenhardt waren bislang alle etwas schwach auf der Fabel, hier aber, wo die beiden Autoren sich an ein bewährtes Fabelgerippe halten können, glückt ihnen ein sehr stattliches und lebensfähiges Geschöpf. Dabei blieb vom Wildeschen Stückbau eigentlich kein Stein auf dem anderen. Zunächst verlegten sie die Handlung aus dem ´merry old England´ der 90er in das der zwanziger Jahre, die schon weitaus weniger ´merry´ waren. Die Vorzüge liegen auf der Hand: die Nachkriegszeit ist nicht nur musikalisch und kostümlich attraktiver, der Konflikt wird angesichts der ramponierten Adelswappen auch entschieden schärfer. Die ganze feine Lebewelt, die da fleißig bunburisiert, will sagen: ein moralisches Doppelleben führt, rutscht sozial eine Stufe tiefer und hat ihre liebe Not, mit einigem Unanstand sich durchs kostspielige Leben zu schlagen. [...] 

Bei alledem aber entstand vor allem der nötige Raum für einen ganzen Sack voll Musik. Gerd Natschinski läßt es foxen und charlestonen, walzen und steppen, daß man mit dem Stillsitzen seine liebe Not hat. Seine Vorbilder reichen von Offenbach über Lincke und Benatzky bis zu Bernstein, aber es klingt, ist witzig, zündend und unterhält. Er schafft auch nicht nur Schlager-Nummern, sondern ebenfalls eine Reihe sehr hübscher musikdramatischer Szenen. Alles ist ebenso rhythmisch mitreißend wie melodisch eingängig, und dank zahlreicher Reminiszenzen bleibt so viel im Ohr, daß sich einem am Ende der schwarze Zweifel ins Herz schleicht, ob denn nun wirklich jeder Takt eine Uraufführung war.

Ein Einwand: dem springlebendigen Spaß geht gegen Ende etwas die Puste aus, ein kräftiger Strich [...] und unser erstes richtiges Eigenbau-Musical hat keine Konkurrenz zu scheuen."

Manfred Haedler: Ein Musical im Metropol, Bombenerfolg für "Mein Freund Bunbury" von Gerd Natschinski. In: Der Morgen, 4. Oktober 1964.

 

"Was sich aus solchen Doppelrollen komödiantisch nicht alles machen läßt! Jeder hat zwei Gesichter und spielt gegen jeden. Dabei tanzen alle auf dem gleichen hohlen Grund, dem spiegelnden, doch von den Holzwürmern schon zerfressenen Parkett der besseren Gesellschaft. Es geht wieder einmal um das - für das heitere Genre nach wie vor ergiebige - Thema der Dekadenz der High Society, ihre Geldgier, ihren geistigen und moralischen Ausverkauf. ´Nur das Verkehrte ist das Begehrte´ in dieser Welt. Die Fakten sind alle schon bekannt. 

Wichtiger ist, festzustellen, daß sie von Helmut Bez und Jürgen Degenhardt in ´Mein Freund Bunbury´ frei nach der Wildeschen Komödie mit viel Witz und Ironie kombiniert, in treffende Wortspiele verpackt, in spritzigen Gesangstexten und kurzweiligen Dialogen pointiert, in amüsanten Situatiönchen dramaturgisch geschickt arrangiert werden. Alles wird mit leichter Hand gekonnt serviert, alles verrät umfangreiche Genreerfahrung und Phantasie und läßt der Musik den Spielraum, den sie braucht.

Oscar Wilde als Musical also. Warum nicht? Wie wir gesehen haben, eignet er sich bei richtigem Zuschnitt ausgezeichnet. Freilich beheben wir durch derartige literarische Rückgriffe nicht das alte Problem der Textkalamität und beantworten nicht die vielen, heute vor der heiteren Muse stehenden Fragen. Doch: eine spaßige Angelegenheit, bei der man viel lachen kann und sich köstlich amüsiert, darüber hinaus auch ein bißchen zu denken bekommt. Und das wiegt."

M.S.: Kind der heiteren Fantasie, "Mein Freund Bunbury" - Erfolgreiche Uraufführung im Metropol. In: Berliner Zeitung, Nr. 274, 4. Oktober 1964.

 

 

Medien / Publikationen


Audio-Aufnahmen

  • "Mein Freund Bunbury". Studio-Cast, Berlin 1972, VEB Deutsche Schallplatten/Nova 8 85 031. (1xEP)

 

Literatur

  • Oscar Wilde: Bunbury oder Die Bedeutung ernst zu sein. Übersetzt von Felix Paul Greve. In: Ders.: Werke in zwei Bänden. Hrsg: Arnold Zweig, Band 2, Berlin: Knaur o.J., Seite 393-458.
  • Michael Stolle: Der Komponist Gerd Natschinski: Musical, Filmmusik und Schlager in der DDR. Hamburg: tredition 2018.

 

 

Empfohlene Zitierweise


"Mein Freund Bunbury". In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. www.musicallexikon.eu

Letzte inhaltliche Änderung: 19. Juli 2020.