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Musikalische Revue 


Buch und Songtexte von Volker Ludwig 
Musik von Birger Heymann und der Rockband "No Ticket"  
Arrangements: Matthias Witting, George Kranz, Axel Kottmann, Michael Brandt, Richard Wester, Birger Heymann

 

 

Inszenierung


Uraufführung: 30. April 1986  
GRIPS Theater, Berlin, Bundesrepublik Deutschland

  • Regie: Wolfgang Kolneder
  • Choreografie: Neva Howard
  • Bühnenbild: Mathias Fischer-Dieskau 
  • Kostüme: Yabara & Co.

 

Besetzung:  

  • Erich / Kleister / Kind / Kontrolleur / Sänger / Angestellter / Leichi u.a.: Thomas Ahrens
  • arbeitsloser Jugendlicher / rauchender Ausländer / Kind / Schwerhöriger / Mondo / Wittwe Lotti / Junge mit Walkman, Kontrolleur u.a.: Claus-Peter Damitz
  • Bambi / Tamile / Verklemmter / Witwe Kriemhild u.a.: Dieter Landuris
  • Mücke / alter Mann / Kontrolleur, Mann mit Rollschuhen / Hermann / Witwe Agathe / Betrunkener / Beziehungspartner u.a.: Dietrich Lehmann
  • Junge im Mantel / arbeitsloser Jugendlicher / Kunde / Skin / Referent u.a.: Folkert Milster
  • Lady / alte Frau / Sängerin / Türkin u.a.: Else Nabu
  • Das Mädchen: Janette Rauch
  • Lola / Schwangere / Mutter / alte Frau / Bouletten-Trude / Sozialdemokratin / Frau mit Paket u.a.: Christiane Reiff
  • Fixerin / Risi / Maria / Fremdenführerin u.a. : Ilona Schulz
  • Schlucki / türkischer Ehemann / Vater / Kontrolleur / Verwirrter / Witwe Martha, empörter Mann u.a.: Christian Veit
  • Fixerin / Lumpi / Bisi / Chantal / Angestellte / Beziehungspartnerin u.a.: Petra Zieser

 

 

Premierenchronik

D UA 30. April 1986 GRIPS Theater, Berlin
DDR EA 13. Oktober 1988 Schauspielhaus, Karl-Marx-Stadt
CH EA 28. Januar 1989 Stadttheater Basel
A EA 24. September 1989 Landestheater Linz

 

 

Inhaltsangabe


In dem Stück kommt ein junges Mädchen aus Westdeutschland nach Berlin, um Jonny aufzusuchen, einen Rocksänger, der kürzlich in ihrer Kleinstadt auftrat und mit dem sie danach pennte. Der One-Night-Stand blieb nicht ohne Folgen. Doch die Adresse ist falsch. So beginnt ihre Odyssee – entlang der U-Bahn-Linie1 zwischen Bahnhof Zoo und Kreuzberg –, auf der sie die verschiedenen Seiten der Halbstadt kennen lernt, die unterschiedlichen Typen, die Härte und Kälte, das Abweisenden, aber auch das Tolerante, Herzliche und Zupackende. In einem ironischen Finale, bei der sich die zentrale Treppe des Bahnhofs in eine Revuetreppe verwandelt, trifft sie erneut auf ihren Märchenprinzen – entscheidet sich jetzt aber, klüger geworden durch ihre Erlebnisse, für einen Anderen, den Lieben, den Verlässlichen.

(Wolfgang Jansen, 2020)

 

 

Kritiken

 
"Angekündigt war die Uraufführung einer ´Musikalischen Revue´ mit dem Titel ´Linie 1´ von Volker Ludwig und mit der Musik von Birger Heymann. Diese Ankündigung erwies sich als eine Untertreibung. Denn nach dreieinhalb Stunden applaudierte das enthusiasmierte Publikum im GRIPS-Theater keineswegs nur einer Revue; es applaudierte der Geburt des Berliner Musicals, eines Genres, von dessen Existenz bisher allenfalls in Andeutungen und Vermutungen geraunt wurde. Ich riskiere es, besagter Untertreibung eine Behauptung entgegenzusetzen, die nur dann, wenn das Beispiel, das Ludwig und Heymann gegeben haben, folgenlos bleiben sollte, als eine euphorische Übertreibung belächelt werden könnte: auf der Linie 1 - gemeint ist die U-Bahn-Strecke zwischen Bahnhof Zoo und Schlesischem Tor - hat das deutsche Musical sich von seinen amerikanischen Vorbildern emanzipiert, ist es auf eine gewitzte, sehr berlinische Weise mündig, erwachsen und damit endlich auch weltläufig und exportfähig geworden. Eine englische Version ist in Vorbereitung; sie wird in London, Amsterdam und anderen Städten vorgeführt werden. 

[...] Es zeigt sozusagen Berlin von hinten und von unten; es konfrontiert das offizielle Baedeker-Berlin mit seiner dunklen, aber vibrierend lebendigen Kehrseite, es veranschaulicht mit Mutterwitz und ausgenüchtertem Sentiment, gelegentlich auch mit pädagogischer Intension, die Schwierigkeiten mit dem Leben und Überleben unter den Bedingungen, die die Großstadt diktiert. Die Theaterstadt Berlin hat endlich wieder einmal eine Attraktion zu bieten, eine bittere, animierend verrockte Hymne auf die Stadt. Das Premierenpublikum bejubelte sie mit Hingabe und Ausdauer."

Hellmuth Kotschenreuther: Explosion von Talent, Das Berliner Musical "Linie 1" im Grips-Theater. In:Der Tagesspiegel, 3. Mai 1986.

 

"Diese Uraufführung ist eine theatralische Sehenswürdigkeit - eine der wenigen, die die Stadt gegenwärtig anzubieten hat. Die Ovationen bei der Premiere kündigten an, daß nun viele Fahrkarten zum Hansaplatz gelöst werden dürften. 

[...] In diesem berlinischen Underground-Musical ist wirklich alles drin. Volker Ludwig liebt die Stadt so, wie man sie lieben soll - mit Herz, aber auch mit Schmerz. Er formuliert von ´Stöneberg bis Stempelhof´ heftige Kritik an Ausländerfeindlichkeit und Provinz-Mief. In einem wunderbar grotesken Auftritt bezeugen vier Schauspieler in abgewetzten Persianer-Mänteln als ´Wilmersdorfer Witwen´, daß sie aus der deutschen Vergangenheit nichts gelernt haben.

Sehr komisch ist die Song-Nummer, in der westdeutsche, amerikanische und japanische Touristen zum U-Bahn-Trip ins legendäre Kreuzberg starten.

Das Musical hat einen starken sozialen Impetus. Volker Ludwig steht auf der Seite der Gefährdeten, der Beschädigten, der Einsamen. Alle Jugendlichen sind auf der Suche, vor allem nach einer Lehrstelle. Aber Ludwig macht seinem Zielpublikum auch Hoffnungen. ´Habt Mut zum Träumen´, lautet am Ende die Aufforderung - so wie es die Teens und Twens ja auch im Kino erleben wollen. Volker Ludwig hat keine Scheu vor Sentimentalitäten - wobei er zugleich den zitierten Kitsch auch wieder ironisiert."

Heinz Ritter: "Locker" ein Zeitgefühl eingefangen, Ein Stadt-Musical hatte mit "Linie 1" im Grips-Theater Premiere. In: Volksblatt Berlin, 3. Mai 1986.

 

"Die Premiere der musikalischen Revue von Volker Ludwig über die ´Kinder vom Bahnhof Zoo´, in diesem Fall die Stammgäste jener U-Bahnlinie 1, die Berlin von West nach Ost durchquert und von der City nach Kreuzberg führt, wurde am Donnerstag stürmisch umjubelt und geriet zu einem Sensationserfolg. Wolfgang Kolneder, Regie, und Birger Heymann, Musik, sind das bereits bewährte Erfolgsgespann.

´Fahr mal wieder U-Bahn, schau dir mal die Menschen an - Kino, Peepshow, Zoo und Knast´, heißt es in einem der vom Text her meist anspruchsvollen und musikalisch äußert eingängigen ´rockig-fetzigen´ Lieder der Revue, die am Beispiel eines in Berlin ankommenden jungen Mädchens, das ihren Freund in Kreuzberg sucht, ein Panoptikum der Großstadtbewohner in ebenso amüsanter wie auch ohne falsche Sentimentalität betroffen machender Weise vorführt: verbiesterte und lebenslustige Rentner, arbeitslose Jugendliche, Punker, Popper und Dandy-Typen, Fixer, ´Wermuth-Brüder´, Arbeiter und ´Bürohengste´, Türken, Tamilen und ´Bouletten-Trude´. Sie alle kommen zu Wort, ohne Überzeichnung in einem geschickt gehaltenen Balanceakt zwischen Beklemmung, Show, Satire und Groteske."

Wilfried Mommert: Eine Revue mit dem Zeug zum "Klassiker", Erfolgreiche Uraufführung im Berliner Grips-Theater. In: Gießener Allgemeine, 3. Mai 1986. 

 

 

Medien / Publikationen


Audio-Aufnahmen

  • "Linie 1", Das Musical. Studio-Einspielung 1986, polydor 831 219-1 (1xLP).
  • "Linie 1". Film-Soundtrack des Berliner Rockmusicals, 1988, polydor 835 391-2 (1xCD).

 

Literatur

  • Wolfgang Kolneder, Stefan Fischer-Fels (Hrsg.): Das Grips Theater Buch, Geschichten. Berlin: Hentrich 1994.

 

 

Kommentar

 
Bei der Erstaufführung in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz) handelt es sich um ein Gastspiel des GRIPS-Theaters im Rahmen des Festivals für Theater und Musik "Begegnungen". Weitere Stationen auf der Tournee waren das  Theater der Jungen Generation in Dresden und das Neue Theater in Halle/Saale.

 

 

Empfohlene Zitierweise

 
"Linie 1". In: Musicallexikon. Populäres Musiktheater im deutschsprachigen Raum 1945 bis heute. Herausgegeben von Wolfgang Jansen und Klaus Baberg in Verbindung mit dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. www.musicallexikon.eu

Letzte inhaltliche Änderung: 24. Juni 2020.